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Hinschauen ...

… müssen wir schon: der Gekreuzigte fällt nicht
sofort ins Auge, wenn wir Sankt Nikolai betreten.
Viel
schneller haftet der Blick am Rokoko-Altar
oder
am farbenprächtigen Renaissanceprospekt
der Orgel. Seltsam: der, um den es bei Christinnen
und Christen geht, erscheint entrückt, sein Kreuz
hängt hoch im Gewölbe. Dazu mag passen, dass
für viele
Menschen Jesus Christus als mensch-gewordener Gott eher eine schwierige Vorstellung
ist. Wie soll Gott in einem Menschen, zumal einem
ohnmächtig Leidenden, seine Liebe zeigen, ja
etwas Entscheidendes auch für mich getan haben?
Weniger spezielle Gottesvorstellungen erscheinen
da zugänglicher; man meint Gott leichter zu finden
in der Natur, in der Musik, im Schönen …

Aber das Bild des Gekreuzigten steht für die Erfah-
rung, dass Gott, wenn er unendlich fern erscheint,
doch ganz nah ist. Das Kreuz sagt: Gott ist da, wo
Menschen und seine Schöpfung leiden. Er leidet mit.
Das Geheimnis seiner Macht ist seine Ohnmacht,
mit der er wird wie wir.

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foto: bornemann
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Also: hinschauen auf den Gekreuzigten »lohnt«
sich. Denn so können wir erfahren, was schon die
ersten Christen wussten: »Gott hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi« (2. Korintherbrief Kapitel 4 Vers 6). So macht es doch einen tiefen Sinn auch für uns moderne Menschen, dass unser Kruzifix so hoch im »Himmels«-Gewölbe hängt. »Von oben« kommt der barmherzige Glanz, der in meine Abgründe scheint. Und wo ich alles andere als großartig bin, tröstet mich der Mann am Kreuz: »Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig« (2. Korintherbrief Kapitel 12 Vers 9). Diese frohe Botschaft feiern wir in der Passions- und Osterzeit.
Pastor Thomas Bornemann |
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